Ahlden – Liebeserklärung an einen Flecken

 

 

 

Kann man sich in Flecken verlieben? In einen Flecken? Gibt es den Flecken überhaupt? Oh ja, es gibt ihn und man kann! Mir passierte das vor mehr als fünfzig Jahren.

 

Es war eine Zeit, da kannte ich Flecken nur von meinen Hosen. Die hatten meistens welche, weil ich beim Spielen immer dreckig wurde. Dass das Wort auch noch eine ganz andere Bedeutung haben kann, lernte ich erst einige Jahre später durch sehr entfernte Verwandte.

Ich war dreizehn als ich die erste Bekanntschaft mit ‚meinem‘ Flecken machte. Die Einladung kam von einer entfernten Tante mütterlicherseits, die eine Tochter in meinem Alter hatte, von deren Existenz ich keine Ahnung gehabt hatte. Die gemeinsamen Wurzeln lagen denn auch mehrere Generationen zurück, irgendwo im neunzehnten Jahrhundert.

 

Die Verbindung zwischen den ‚Heidjern‘ und den nach Hamburg ‚ausgewanderten‘ Geschwistern der Familie war nie ganz abgerissen und wurde durch Briefe und gelegentliche Besuche über mehrere Generationen aufrecht erhalten. Nun war ich also an der Reihe, die Tradition fortzusetzen.

Die Kleinstadt Pinneberg ist beileibe keine Weltmetropole, aber mit dreißigtausend Einwohnern auch nicht gerade ein Dorf. Und zudem war Hamburg mit seinen Museen, Theatern und Einkaufsmöglichkeiten sozusagen gleich um die Ecke. Vieles davon kannte ich ganz gut.

In Ahlden tauchte ich in eine völlig andere Welt ein. So gab es eine Vielzahl von winzigen Geschäften und Werkstätten, wie ich sie noch nie gesehen hatte. Einige davon waren nicht viel größer als eine Stube. Und wenn niemand zu sehen war, ging man durch den Garten und zur Hintertür hinein. Ich fühlte mich an meine früheste Schulzeit erinnert, an meine allererste Fibel nämlich, in der ähnliches beschrieben wurde.

 

Die Geschäfte waren auf wenige Straßen verteilt, denn ganz Ahlden war nicht so groß wie unser kleiner Ortsteil Quellental, und boten so ziemlich alles an, was zum Leben gebraucht wurde.

Wenn ich mich richtig erinnere waren allein drei Bäcker dort ansessig; zwei Schlachtereien; ein Minikaufhaus, genannt Klein-Karstadt; zwei Sattler- (bzw.  Polsterer), die auch Gardinen nähten und Sessel und Sofas bezogen; einen Elektroladen; einen Schmied; einen Uhrmacher, der auch Schmuck und Tafelbesteck anbot;  eine Zimmerei; eine Schlosserei; einen Schneider; einen Maler; einen Frisör; einen Tischler, der gleichzeitig Bestatter war; einen Kaufmann, bei dem man außer sämtlichen  Haushaltswaren auch Obst und Gemüse bekam; eine Gärtnerei; einen Schuster; zwei Schuhläden und (mindestens) drei Gaststätten.

 

Dazu Apotheke, Arzt, Zahnarzt und eine Gemeindeschwester. Und eine Schule. Außerdem gab es eine Poststelle mit Telefonanschluss, eine Sparkasse und eine Raiffeisenbank. Dazu kamen noch die Kirche und ein Schloss. Ich hoffe, ich habe nichts vergessen.

Und natürlich gab es Vereine: den Schützenverein, den Sportverein, den Gesangsverein, den Angelverein, den Theaterverein und in mindestens einem musste man Mitglied sein, wenn man nicht als Außenseiter gelten wollte. Oder in der Freiwilligen Feuerwehr, das galt auch.

Jeder Verein veranstaltete einmal im Jahr seinen eigenes Fest. Das wichtigste war das Schützenfest. Dann zogen sämtliche Einwohner durch die geschmückten Straßen hinter dem neuen Schützenkönig her und sahen zu, wie die große Holzscheibe an den Hausgiebel genagelt wurde. Begossen wurde das mit viel Schnaps und Bier, so dass mancher auf dem  Heimweg etwas Schieflage hatte.

Beim Schützenessen im großen Festzelt wurden so viele Reden gehalten, dass das Essen meistens halb kalt war, wenn es die letzten Gäste endlich erreichte. Aber auch das gehörte dazu.

Die Attraktion von Ahlden war das Schloss, das man aber nicht besichtigen konnte, weil es einen privaten Besitzer hatte.

 

Ganz in der Nähe stand - und steht - die Kirche mit ihrem über  tausendjährigen Turm. Zumindest der untere Teil stammt aus dieser Zeit. Ich lernte sie recht gut kennen, denn meine gleichaltrige Kusine musste im Vorfeld ihrer Konfirmation regelmäßig am Sonntag dort erscheinen, und ich musste natürlich mit. Was mich dabei am meisten beeindruckte war der Pastor, der es mitunter auf eine beachtliche Lautstärke brachte.

Das Dorf bestand hauptsächlich aus alten Fachwerkhäusern, die der Reihe nach, so wie sie gebaut wurden, nummeriert waren. Es gab zwar Straßennamen, aber die halfen einem Fremden nicht wirklich weiter. Es ist etwas irritierend, wenn die Hausnummer 125 in der Straße einen Nachbarn mit der Nummer 7 hat. Zum Glück kannte der Briefträger sich aus; denn im Gegensatz zu heute  wechselte der nie.

 

Auch bei meiner Verwandtschaft war alles anders als zuhause. Das Wohnzimmer war die 'gute Stube', das Schlafzimmer hieß 'Kammer' und kleine Nebenräume waren 'Butzen'.  Wenn man das Haus betrat, zog man als erstes die Schuhe aus - kannte ich nicht, machte aber Sinn, denn von Straße und Garten schleppte man eine Menge Dreck rein.

Als nächstes stellte ich fest, dass es kein Badezimmer gab. Für die tägliche Hygiene gab es in der Küche ein Waschbecken. Gebadet wurde am Samstag in der Waschküche. Die dafür notwendige Wanne hing an einem Haken an der Wand und wurde bei Bedarf heruntergeholt. Das heiße Wasser kam aus der Küche, wurde eimerweise eingefüllt und musste  für mehrere Badewillige reichen. Da ich Besuch war, durfte ich als erste ins Wasser.

 

Für mich war dieser Aufwand eine ganz neue Erfahrung, die mich so beeindruckte, dass ich ein Jahr später beinahe ungern in das inzwischen eingebaute Badezimmer mit Duschmöglichkeit wechselte. Duschen kannte ich schon.

Für etwas anderes im Zusammenhang mit dem Badezimmer war ich allerdings sehr dankbar. Das war das WC.

Im ersten Jahr gab es nämlich nur ein Plumpsklo. Das erreichte man auf dem Weg über Flur, Küche, Waschküche und Scheune. Licht gab es auf dem letzten Stück auch nicht, nur eine funzelige Taschenlampe, so dass es in der Dunkelheit ein etwas gruseliger Weg für mich war. Im Notfall weckte ich dann mein Kusinchen, damit ich nicht allein gehen musste.

 

Aber nicht  nur im Bereich von Wasser und Seife war vieles anders, als ich es von zuhause gewohnt war. Auch sonst gab es einiges, was mich verblüffte. So bekamen die Sofakissen nach dem Aufschütteln immer einen Handkantenschlag, der die oberen Zipfel steil aufragen ließ wie dicke Ohren. Und die Fransen am Teppich wurden regelmäßig in aller Sorgfalt gekämmt!

Noch faszinierter war ich von der Tatsache, dass zum Wochenende 'die Straße gemacht' wurde, das heißt, die Gosse wurde gefegt. Die sandigen Gehwege vor den Häusern wurden geharkt. Sehr sorgfältig und möglichst noch mit Muster. Und wehe, ich trat vor dem Sonntagabend auf diese feinen Striche!

 

Aber das Spannendste bei diesem ersten Besuch war das Kino. Es gab nämlich keins und trotzdem konnte man am Sonntagnachmittag einen Film sehen. Im Saal des größten Gasthauses wurden lange Stuhlreihen aufgestellt, der Apparat für den Film aufgebaut, alle Fenster verdunkelt und dann ging es endlich los. Das alles war viel spannender als ich es von daheim kannte und irgendwie auch viel lustiger.

Die Stühle waren allerdings unbequemer als in unserem Kino zuhause. Die Zuschauer benahmen sich dafür wesentlich gesitteter. Kein Wunder, schließlich kannte hier jeder jeden.

Was mir an dem Sonntag - und vielen weiteren - überhaupt nicht gefiel war die Kleiderordnung. Ich musste nämlich auf meine geliebten Hosen verzichten und Rock oder Kleid anziehen. Etwas anderes kam gar nicht in Frage. Was sollten denn die Nachbarn über den feinen Besuch aus der Stadt denken!?

Doch davon abgesehen fand ich es auf dem Land einfach super. Es gab  hier Sachen, die ich sonst nur aus Büchern kannte. Zum Beispiel einen Vorratskeller, dessen Zugang im Fußboden der Waschküche lag, der mit einer hölzernen Klappe verschlossen war. Dahinter verbarg sich eine schmale, steile Holztreppe. Solche Minikeller gab es in fast jedem der alten Häuser. Sie stammten noch aus der Zeit vor Kühlschrank und Gefriertruhe, waren kühl und dunkel und hatten lange Regale für das Eingemachte, für Kartoffel, Äpfel und was sonst noch eingelagert werden musste.

 

Im Garten ernteten wir Erdbeeren, junge Erbsen und Möhren gleich vom Beet, und es störte mich überhaupt nicht, wenn es beim Kauen ein bisschen zwischen den Zähnen knirschte.

Ich machte Bekanntschaft mit einem mir bis dahin unbekanntem Gerät – dem Apfelpflücker –  und erfuhr, dass man Lageräpfel niemals vom Baum herunter schütteln durfte und Kirschen immer mit Stil gepflückt werden mussten. Und ich lernte Spargelstechen.

Spargel gab es im Garten meiner Verwandten, aber zu wenig um Vorräte anzulegen. Darum wurden gleich mehrere Kilo zugekauft und eingeweckt. Dazu mussten die Stangen mit einem Küchenmesser hauchdünn geschält werden, eine Kunst, die die alten Tanten in Perfektion beherrschten. Diese ‚Feinarbeit‘ wurde mir zum Glück erspart, nachdem ich gleich beim ersten Versuch die halben Stangen wegsäbelte. Zuhause hatten wir einen Sparschäler.

 

Die Tanten sorgten auch dafür, dass für die Sonntagssuppe winzige kleine Hackbällchen gedreht wurden, die neben Spargel und Eierstich (kannte ich von Zuhause auch nicht) unbedingt hinein gehörten.

Im Spätsommer gingen wir in den Wald und sammelten Pilze oder pflückten Blaubeeren, Bickebeeren genannt, und dabei fanden wir in unserem Sammeleifer den Rückweg oft nur auf ungewollten Umwegen.

 

Für Transporte aller Art gab es überall im Dorf Gummikarren, auch etwas, das mir völlig neu war. Schubkarren, ja, die kannte ich natürlich, aber diese zweirädrigen Karren, die man wahlweise ziehen oder schieben oder auch hinter ein Fahrrad hängen konnte, die hatte ich bis dato noch nie gesehen. Hier hatte fast jeder Haushalt eine.

Damals war es noch lange nicht selbstverständlich, Gerätschaften aller Art ins Auto zu packen. Vor allem hatten viele Familien gar keins. Deshalb brauchte man diese robusten Lastesel namens Gummikarre bei allen möglichen Gelegenheiten. Man transportierte Steine, Holz, Zementsäcke und dazu notfalls auch gleich noch den Betonmischer. Lange Latten, dicke Pfähle - alles kein Problem, denn die Vorder- und die Rückseiten der Karre ließen sich herausnehmen.

Und noch eine wichtige Funktion erfüllte die Gummikarre: beim Schützenfest wurde damit so  manche Schnapsleiche nach Hause geschoben.

 

Ein weiterer Reiz für mich waren die Tiere, denen man im Dorf begegnete. Es gab ja nicht nur Hunde und Katzen, es gab auch noch Hühner, die sich oft genug auf die Dorfstraßen verirrten. Wenn man an den wenigen Höfen vorbeiging, die damals noch bewirtschaftet wurden, roch es nach Kühen und Schweinen und manchmal auch nach Pferden.

Letztere sah ich gelegentlich sogar auf einem Feld bei der Arbeit. Richtige Ackerpferde, die vor Egge und Pflug gingen. So etwas konnte es doch eigentlich gar nicht mehr geben!

Es gab sie denn auch nicht mehr sehr lange. Wie überall wurden sie von Traktoren abgelöst. Etliche Jahre später tauchten die Kaltblüter dann doch wieder auf: als Kutschpferde vor Planwagen.

 

Im Laufe der Zeit veränderte sich das Dorf. Läden und Werkstätten wurden geschlossen

und in immer mehr Gärten und Hofstellen wurden Öl- oder Gastanks aufgestellt. Telefonanschlüsse wurden gelegt, Häuser an die Kanalisation angeschlossen und Straßen geteert. Nur die Gehwege, die wurden weiterhin am Samstag geharkt, bis auch sie irgendwann ein Pflaster bekamen.

Meine mehr oder weniger regelmäßigen Besuche hörten auch nicht auf, als ich erwachsen und berufstätig wurde. Schließlich gab es Urlaubstage und Wochenenden. Die Verwandten, die längst zu Freunden geworden waren machten es möglich. Und die Bahn, die zweimal täglich von Hamburg aus in die Heide schnaufte.

 

Ich hatte inzwischen angefangen, Kinder- und Jugendbücher zu schreiben, verdiente langsam auch Geld damit und konnte mir ein paar unbezahlte Wochen im Jahr leisten. Was lag da näher als meine Pferde – damals waren es zwei – in meine Sommeridylle mitzunehmen. Die Vierbeiner kamen beim Vorsitzenden des Reitvereins auf die Weide, ich bezog mein ‚Schreibzimmer‘ und legte los.

Als aus den Wochen gleich mehrere Monate wurden, sah ich mich nach einer eigenen Weide um. Einer aus der Verwandtschaft hatte in Ahlden ein Stück Land geerbt, mit dem er nichts anfangen konnte und stellte es mir zur Verfügung, als ich nach einer Dauerweide für meine Pferde suchte.

Das Land lag brach, war nur einen halben Hektar groß - also gut 5.000 qm - und zu klein, um dort etwas aufbauen zu können. Nun lag daneben aber ein zweites unbeackertes Feld, das doppelt so groß war. Beides zusammen würde reichen, ich musste es nur bekommen. Das war aber nicht so einfach, denn niemand gab damals so ohne weiteres sein Land an Fremde weiter.

Da half Tante Anna. Sie kannte jeden im Dorf und war zudem mit der Besitzerin des Grundstücks befreundet. Eine Tasse Kaffee, ein Stück Kuchen und ein bisschen Klönschnack - und schon hatte ich meinen Pachtvertrag in der Tasche. Es war der erste April neunzehnhundert siebenundsiebzig, aber zum Glück alles andere als ein Aprilscherz.

 

Es folgte ein arbeitsreicher Sommer, in dem das Land in eine Wiese umgewandelt, ein Zaun gezogen, ein Brunnen gebohrt wurde. Das alles ging nur mit der Hilfe der Verwandtschaft und deren Freunde, und dafür bin ich ihnen allen bis heute unendlich dankbar.

Vom ortsansässigen Zimmermann ließ ich mir einen soliden Weideschuppen bauen, der meinen Vierbeinern Schutz vor Wind und Wetter bot.

Das alles ging so lange gut, bis ich mich eines Tages vor die Wahl gestellt sah, mir einen neuen Job zu suchen oder ganz auf die Schreiberei zu setzen. Ich entschied mich für Letzteres. Nicht ohne Herzklopfen und schlaflose Nächte, aber wild entschlossen, es wenigstens zu versuchen. Was ich dazu brauchte – eine Bleibe für mich selber, eine Weide für die Pferde und Ruhe zum arbeiten - all das fand ich in ‚meinem‘ Flecken, in Ahlden.

 

Dank Tante Anna hatte ich eine Wohnung über dem Kaufmannsladen  gefunden, oben unter dem Dach mit viel Schräge, niedrigen Decken (an denen spätere Besucher sich regelmäßig die Köpfe einrannten), schiefen Fußböden, krummen Wänden, ohne Küche und Heizung und stark renovierungsbedürftig. Ich verliebte mich auf den ersten Blick in diese urige Bleibe. Dass ich nie mehr als ein elektrisches Gerät zur Zeit laufen lassen konnte, merkte ich erst später. Dann knallte nämlich die Sicherung durch

.

Es gab auch sonst so einiges, was ich erst im Laufe der Zeit bemerkte. Das  Wasser zum Beispiel, das mit einem Durchlauferhitzer warm gemacht wurde. Es kam in so dünnem Strahl, dass es eine gefühlte Viertelstunde dauerte, bis die Badewanne endlich voll war.

Ein weiteres Thema war die Waschmaschine. Sie hüpfte nämlich beim Schleudern im Badezimmer herum! Still stand sie dann nur, wenn ich mich drauf setzte. Erst als sie ein solides Untergestell bekam, gab sie Ruhe.

 

Gewöhnungsbedürftig war auch die Kirche, die gleich gegenüber auf der anderen Straßenseite stand. Sie hatte eine Uhr, die sich alle Viertelstunde  misstönend bemerkbar machte. Das Scheppern hörte ich aber schon bald nicht mehr. Übernachtungsgäste hatten da mehr Probleme. Die jammerten schon mal: „es ist ja schön bei dir, aber diese Uhr!!!“

 

Stören tat mich das alles nicht. Ich liebte mein neues Zuhause! Nicht zuletzt deshalb, weil ich mir hier endlich meinen Kindheitstraum vom eigenen Hund erfüllen konnte. Seit dem Tage meines Einzugs bin ich nie mehr ohne vierbeinigen Begleiter unterwegs gewesen.

Vor dem Einzug stand allerdings noch das Bewohnbar-machen meiner neuen Behausung. Die Renovierung hatten weitgehend die Freunde übernommen, um Heizung und Küchenanschlüsse kümmerte sich mein Vermieter.

 

Währenddessen erlebte  ich in Pinneberg die Schneekatastrophe von 1978/79, die wohl bis heute unvergessen ist. Auch in Ahlden schneite es so heftig, dass mein Weideschuppen halb darunter vergraben wurde. Zum Glück mussten noch keine Pferde darin überwintern. Die kamen im Frühjahr, bezogen ihr Quartier, fraßen  Gras und wurden bei dieser Tätigkeit wenig gestört, denn zum reiten kam ich überhaupt nicht. Ich hatte anderes zu tun.

Erst einmal wohnte ich wie gehabt bei der Verwandtschaft, wurde dort verpflegt, fuhr zwischendurch nach Hause, bekam Möbel geliefert, malte Wände an, richtete Zimmer ein, brachte Bücherregale an die Wände und fragte mich ab und zu etwas beklommen, was ich da eigentlich trieb.

In meinem Kopf kreisten tausend Fragen.

 

Was konnte ich machen, wenn ich es finanziell nicht schaffte? Meine Honorare trudelten nur zweimal im Jahr ein. Weit und breit gab es keine Buchhandlung, in der ich unterschlüpfen konnte.

Was sollte ich tun, wenn die Pferde mit den neuen Bedingungen, so ganz ohne Boxen nicht zurechtkamen?

Wie konnte ich überhaupt hier draußen auf dem Land klar kommen, so ganz ohne Auto? Ich hatte mal eins besessen, aber das war zu einer Zeit, als die Pferde, die ich ritt noch anderen Leuten gehörten.

 

Als der Kleine – es war ein VW Käfer, Baujahr 55 - nach etwas über einem Jahr sein Leben aushauchte und auf dem Schrottplatz endete, trauerte ich ihm zwar ein bisschen nach, aber bei der Entscheidung Auto oder Pferd fiel mir die Wahl nicht wirklich schwer. Und so ist es dann geblieben. Zum Glück findet sich bis heute immer jemand, der für mich den Chauffeur spielt, wenn Not am Mann ist.

Bevor ich meinen Entschluss gefasst hatte, mich auf die eigenen Füße zu stellen, hatte ich lange und gründlich nachgedacht. Aber nun, wo es Ernst wurde, plagten mich wieder die ausgeräumt geglaubten Zweifel. Zum Glück gewann immer wieder mein Optimismus die Oberhand. Es würde schon gut gehen!

 

Das erste Problem, das gelöst werden musste, war ein Telefonanschluss. Das Postamt gegenüber war nur ein schwacher Ersatz und ich vermisste den Quasselkasten schmerzlich. Es dauerte über drei Monate, bis ich endlich wieder an der Strippe hing. Damals hätte ich ein Handy gut gebrauchen können, aber die gab es leider noch nicht. Bei längeren Gesprächen war immer ein Auge auf die Uhr gerichtet, damit es nicht zu teuer wurde. Deshalb waren Abendanrufe an der Tagesordnung. Da war es billiger.

Wegen meiner vielen vorangegangenen Besuche fühlte ich mich in meinem Flecken nie fremd. Ich gewöhnte mich rasch ein, und die Ahldener gewöhnten sich an mich, wenn manche auch bezweifelten, dass ich überhaupt einem Broterwerb nachging. Vom meiner Schreibtischarbeit bekam ja niemand etwas mit. Es sprach sich zwar herum, dass ich Bücher schrieb, aber erst als die ersten Urlauber mit der unglaublichen Nachricht zurück kamen, sie hätten in Hannover (Hamburg, München) ein Buch von mir im Schaufenster gesehen, wurde mein ‚exotischer‘ Beruf für viele Realität.

 

Der Durchbruch war dann ein Artikel, den ich nach meinem ersten Wanderritt geschrieben und an die Walsroder geschickt hatte, die ihn –sogar mit Foto - veröffentlichte. ‚Die‘ schrieb ja nicht nur Bücher, nein, sogar in der Zeitung wurde sie gedruckt!

Ich genoss mein neues Leben in vollen Zügen. Ganz schnell hatte ich ein Gefühl nie gekannter Freiheit. Endlich konnte ich tun und lassen was, kommen und gehen wie ich wollte. Niemand machte mir Vorschriften, verlangte Erklärungen oder redete mir in meinen Tagesablauf hinein. Wenn ich manchmal schon früh um fünf unterwegs sein wollte, bitte sehr. Das störte niemanden und mein Hund freute sich über so einen zeitigen Aufbruch.

Ich konnte mich stundenlang in meine Manuskripte vertiefen, Essen und Trinken vergessen und dabei – wenn etwas nicht klappte – laut vor mich hin schimpfen. Wenn das nicht half, rannte ich wieder draußen herum, um den Kopf klar zu bekommen. Dass ich dabei tief in Gedanken manchmal Mitmenschen übersah, die mich freundlich grüßten, erregte nur an Anfang Verwunderung. Mit der Zeit gewöhnte man sich an diese Macke.

 

Von meinen Büchern abgesehen drehte sich alles weitgehend um meine Tiere. Ich bekam Kontakt zu einem gleichfalls zugezogenen Züchter, bezahlte gelegentliche Gefälligkeiten mit Hilfe bei der Heuernte, half beim Rindertreiben, fing ausgebüxte Pferde ein, landete unversehens im Kuhstall und lernte melken, weil der Bauer im Krankenhaus lag. Aber das ist eine andere Geschichte.

Gelegentlich wurde ich von den ‚alten‘ Ahldener Frauen, die ich durch die Verwandtschaft kannte zum Kaffeeklatsch eingeladen. Das Staunen über die vielen Torten, die bei solchen Gelegenheiten auf dem Tisch standen, gewöhnte ich mir bald ab. Gefühlt waren es etwa immer halb so viele wie Gäste anwesend waren, und probieren sollte man möglichst alle. Es war mein Glück, dass mein Magen damals noch schier unglaubliche Mengen verarbeiten konnte.

 

Schwieriger war es, dem Alkohol zu entgehen, der auf Feiern angeboten und aufgedrängt wurde. Ich wurde davon erst furchtbar albern und dann urplötzlich todmüde. Und wollte nur noch ins Bett.

Zum Teil lag das Letztere auch daran, dass meine Tage lang waren und früh begannen. Wenn ich am Morgen zu meiner Weide wanderte, war ich meistens allein auf weiter Flur. Dann gehörte mir die ganze Welt: die Vögel, die Sonnenaufgänge, der Wind, der Himmel und sogar die Pfützen auf dem Weg.

 

Im Herbst sah ich Kraniche und Wildgänse ziehen. Bewunderte die immer bunter werdenden Bäume und im Winter der frisch gefallene Schnee, in dem sich meine Fußabdrücke zu den Spuren von Rehen und Hasen gesellten.

 

Und so ging es weiter. Mit jedem Jahr wurden meine neuen Wurzeln länger und kräftiger, bis ich das Gefühl hatte: die reißt niemand mehr aus! Und heute, nach mehr als vierzig Jahren denke ich immer noch so. Ahlden ist und bleibt mein sehr geliebtes Zuhause.

 

 

 

Christa Schütt